Die Insel der lila Wolken (Theaterstück)

KOLLEKTIVER TEXT von Sarah Lange, Ema Mezíhoráková, Hannah Roitzsch, Henriette Möller, Ida Wolter, Lisa Bresch, Liv Mailin Brandão, Marilla Mogk, Ruben Faust, Tobias Donald Westphal

Die Insel der lila Wolken

ANSAGER tritt auf.

ANSAGER Herzlich Willkommen! Ich präsentiere Ihnen meine neueste Erfindung: das Muschelpromofon. Dieses wurde durch mich und meine Kollegen erfunden, bei einem US-amerikanischen Suchanbieter, der gestern die Weltherrschaft übernommen hat. (Wer ihn nicht kennt, kann das ja mal googeln.) Es genügt ein Drücken dieses Knopfes. Das Gerät gibt ein akustisches Signal. Es ist nun bereit, eine beliebige Frage zu beantworten. Diese Frage kann aus zahlreichen Bereichen kommen. Neben Alltagsfragen, können auch Horoskop-Fragen gestellt werden. Sogar auf unlösbare Fragen, hat dieses kleine Gerät eine Antwort. Ich demonstriere.

ANSAGER drückt den Knopf. Eins plus eins.
MUSCHELPROMOFON Sie müssen zunächst den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu- stimmen. Ihre Nutzung der Produkte, der Software, der Dienstleistungen und der Webseiten von uns (hier zusammenfassend als Services bezeichnet, ausgenommen solcher Services, die wir Ihnen…)
ANSAGER Oh, interessant … Halt die Klappe! Diese moderne Technik. Lacht. Ich stimme zu!
MUSCHELPROMOFON Ich konnte Sie leider nicht verstehen. Bitte versuchen Sie es erneut.
ANSAGER (lauter) Ich stimme den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu! MUSCHELPROMOFON Ich konnte Sie leider nicht verstehen. Bitte versuchen sie es erneut. Sprechen Sie dabei klar, laut und deutlich. Nutzen Sie alternativ ein anderes Schlüsselwort.
ANSAGER (schreiend) Zustimmen!
MUSCHELPROMOFON Willkommen beim Muschelpromofon!
ANSAGER Sehr gut. Was ist eins plus eins?
MUSCHELPROMOFON Ein Erdbeerfeld und ein Bananenfeld. Nehmen Sie die Menge bei- der, ist sie die Antwort auf Ihre Frage.
ANSAGER Das klappt natürlich auch mit komplexeren Fragen. Erzähle mir etwas über die Insel der lila Wolken! Geht ab.

 

ERZÄHLERIN tritt auf. Eine Insel. Lila Dächer und weiße Wände mit Efeu bewachsen. Schwalbennester unter den Dachrinnen. Blaue Elefanten im Vorgarten. Fliegende, gelbe Au- tos. Lila Wolken ziehen am Himmel und bringen blauen Regen. Im Zentrum der Insel steht eine Burg in Form einer Rose. Die Rose öffnet sich und eine Schar an Eingeborenen mar- schiert über die Brücke. Diese Wesen besitzen drei Köpfe und haben lila Haare. Die Gäste der Zeremonie tragen eine Bare durch die Stadt und unzählige Kerzen, die immer wieder ausge- pustet und angezündet werden. Die Musik lässt den Regen himmelblau werden, der die Wän- de der Häuser färbt. Am Ende des Zuges marschiert der König, ein Gnom. Neben ihm die junge Prinzessin. Es ist das Hochzeitspaar und der Regen soll ihnen Glück bringen und Fruchtbarkeit. Aus dem Wasser tauchen Wale auf. Im Meer schwimmt ein Schwarm Heringe an den Seeanemonen und Seesternen vorbei. Seelöwen sitzen am Strand. Ab.

HEINRICH und CHRISTILLA treten auf.

HEINRICH Entschuldigung, könnten sie mir vielleicht… Ah, ich sollte mich erst einmal vorstellen. Ich bin Heinrich. Wer sind Sie?
CHRISTILLA Prinzessin Christilla.
HEINRICH Eine echte Prinzessin?
CHRISTILLA Ja, eine Prinzessin!
HEINRICH Und was macht eine Prinzessin wie Sie hier?
CHRISTILLA Heiraten.
HEINRICH Interessant. Meine eigentliche Frage war…
CHRISTILLA Ich habe auch eine Frage.
HEINRICH OK?
CHRISTILLA Haben Sie schon mal ein krummes Ding gedreht?
HEINRICH Ein krummes was?
CHRISTILLA Ein krummes Ding!
HEINRICH Nein, eigentlich nicht.
CHRISTILLA Hätten sie vielleicht Interesse an einem?
HEINRICH Solange es nicht zu krumm ist.
CHRISTILLA Sie müssten da etwas für mich beseitigen.
HEINRICH Was denn? Ungeziefer?
CHRISTILLA In gewisser Weise schon. Meinen Ehemann.
HEINRICH Sind sie des Wahnsinns? Ich bringe doch nicht ihren Mann um! Warum sollte ich das tun?

CHRISTILLA Der Gnom ist ein sehr reicher, aber auch hässlicher König. Sein Reichtum kann für eine Prinzessin wie mich sehr vorteilhaft sein. Sie müssten lediglich ein bisschen Gift in die Tasse des Gnoms tröpfeln. Sie bekämen dafür zehn Euro.
HEINRICH Zehn Euro haben sie gesagt? OK, dann bin ich dabei!
CHRISTILLA Ich werde Sie kontaktieren.
HEINRICH Ich wollte noch fragen, wo…
CHRISTILLA Ach, wegen der Kontaktaufnahme. Ich habe da meine Methoden. Geht ab. HEINRICH Eigentlich wollte ich nur wissen, wo die Toilette ist. Ab.
SABINE und ROBERTUS treten auf.
SABINE O-M-G! Wo sind wir denn hier gelandet? Ich habe dir doch gesagt, dass du diesen roten Do-Not-Push-Knopf nicht drücken sollst!
ROBERTUS Ich mache aber nie das, was du sagst. Das ist mein Prinzip! Sieh dich doch mal um! Diese Wesen sind höchst interessant!
SABINE Ja, du Wissenschaftsfreak! Frage lieber diese Monster, wie wir hier herauskommen! ROBERTUS Monster? Du hast Angst, stimmt‘s?
SABINE Spielst du hier den Helden, Robertus?
ROBERTUS Du hast zwei Möglichkeiten: Entweder suchst du selber oder ich frage nach dem Weg.
ROBERTUS schreit. Hilfe! Ein Gespenst!
SABINE Das war ja klar. Wolltest du nicht nach dem Weg fragen?
ROBERTUS stottert. Du kommst aber mit, Sabine, oder?
SABINE Nee, nee, nee, harte Männer wie mein Cousin können so etwas selbst regeln! ROBERTUS stottert. Aber wenn das Gespenst…
SABINE Das ist doch nur ein herumfliegendes Stück Stoff! So dämlich muss man erst einmal sein! So schlimm sind diese Wesen gar nicht. Zumindest haben die auf jeden Fall mehr Style als du! Und diese lila Haare! Oh nein, ein Nagelstudio!
ROBERTUS Geh du doch in dein Nagelstudio! Ich gehe nach Hause!
SABINE Ich könnte sogar ein richtig krasses Umstyling mit dir machen. Vielleicht findest du ja dann ein paar Freunde!
ROBERTUS Womit habe ich mir so eine Cousine verdient?
SABINE Ich weiß auch nicht. Aber danke, dass du mir so dankbar bist!
ROBERTUS schreit. Bin ich nicht. In das idiotische Nagelstudio kannst du allein gehen! SABINE Willst du etwa mit deinem Gespenst allein bleiben? Von mir aus!
ROBERTUS Überredet.

SABINE Die schauen uns alle an! Wegen deiner Hässlichkeit!
ROBERTUS Die schauen uns an, weil wir nun einmal anders aussehen.
SABINE Was ist denn das für eine gelbe Tasche?
KELLNER tritt auf und nimmt die Tasche. Alle ab.
ADELHEID und FRIEDRICH treten auf.
ADELHEID Schatz, hast du das schon fotografiert?
FRIEDRICH Warte Schnucki, ich muss noch kurz den Akku wechseln.
ADELHEID Dann beeile dich! Es gibt noch so viel zu sehen und wir müssen es für die Familie fotografieren!
FRIEDRICH Ja, das weiß ich doch, jetzt mach mich nicht so nervös.
ADELHEID Dann gib schnell her, ich mach das!
FRIEDRICH Ja hier, aber nein. Das geht gar nicht. Die Speicherkarte ist voll!
ADELHEID Ach Mensch, schon wieder? Was hast du denn alles fotografiert?
FRIEDRICH Hier ist alles so anders, ich musste alles fotografieren. Das Schloss, das aussah, wie eine Rose. Dieser Mensch mit den drei Köpfen, die sich miteinander unterhielten und natürlich die weiße Wand mit dem Schwalbennest.
ADELHEID Hast du eigentlich meinen Selfiestick gesehen?
FRIEDRICH Ja, ich glaube, den habe ich dir vorhin in den Rucksack gepackt. Hast du denn überhaupt dein Smartphone dabei.
ADELHEID Mein Smartphone?
FRIEDRICH Wurde dir das etwa gestohlen?
ADELHEID Ich weiß nicht.
FRIEDRICH Oh mein Gott, das waren bestimmt die Einheimischen hier. Das ist bestimmt alles geplant, die zocken so die Touristen ab.
ADELHEID Wir können in dem Restaurant von vorhin nachsehen.
FRIEDRICH Eine Sehr gute Idee. Guu-ten Tag. Kö-nnen Sie mich versteh-en?
KELLNER Schonig Tum. Wie dienenas imä amö?
ADELHEID We are looky looky for handy, verstehst du?
KELLNER Tsohory. Imä no sprechenas amöt sprechum. Bittig gehenas amö, amö imä machenas angsum.
FRIEDRICH Langfing hat klauen Phone Smart von Schnucki.
ADELHEID We are looking for handy in yellow-gelber Tasche Du haben gesehen? Schatz, ich glaube er versteht uns nicht!

FRIEDRICH Keine Ahnung, sind wir denn überhaupt versichert? Die sind hier alle so unfähig.
ADELHEID Wir sollten zur Polizei gehen!
FRIEDRICH Hast du dein Smartphone überhaupt eingesteckt?
ADELHEID Natürliche hatte ich es dabei!
FRIEDRICH Bist du dir sicher?
ADELHEID Ich weiß es nicht! Obwohl… Vielleicht liegt es auf dem Klavier?
FRIEDRICH Ja, Schnucki, das könnte sein. Aber wie sollen wir denn jetzt Fotos machen? ADELHEID Aber meine Mutter! Sie hat doch sonst nichts zum Angucken!
FRIEDRICH Ja, das ist mir alles bewusst, aber wie soll das gehen, wenn die Speicherkarte voll ist, und dein Smartphone nicht hier. Ich habe ja keins.
ADELHEID Ich habe dir auch schon immer gesagt, dass du dir endlich mal eins kaufen sollst!
FRIEDRICH Dir habe ich schon genauso oft gesagt, dass ich so einen neumodischen High- Tech-Scheiß nicht brauche. Ich will nicht von den Amerikanern überwacht werden. ADELHEID Na gut, mach was du willst! Ich gehe jetzt zur Polizei!
FRIEDRICH Wie bitte, das ist mein Urlaub. Ich habe bezahlt, ich will nur das alles angucken.
ADELHEID Pfft! Dann lass ich mich scheiden!
FRIEDRICH Wie bitte? Bist du denn des Wahnsinns? Weißt du wie viel das kostet? Wir ha- ben schon für den Urlaub so viel bezahlt.
ADELHEID Und von dem Geld könntest du dir auch ein Handy kaufen.
FRIEDRICH Du weißt genau, wie ich dazu stehe.
ADELHEID So eine Unverschämtheit! Da drüben! Siehst du ihn auch?
FRIEDRICH Ist das nicht der Kellner aus dem Restaurant? Hat er nicht deine gelbe Tasche um?
ADELHEID Schnell hinterher, Friedrich!
FRIEDRICH Ich eile dir zur Hilfe, geliebte Adelheid, ich rette dein Handy!
Jetzt habe ich dich, Bürschchen!
ADELHEID Gib mir mein Handy wieder, du Scheißkerl! Give me my smart phone back! FRIEDRICH Gib meiner Frau ihr Smartphone wieder
KELLNER Amö imä machenas angsum
FRIEDRICH Wird‘s bald? Sonst kann ich für nichts garantieren! Und ich glaube nicht, dass Sie versichert sind!
ADELHEID verprügelt den KELLNER.
ADELHEID Nein Friedrich, pass auf!

Schnuckelpups? Wach auf! Geht es dir gut, mein Schatz?
FRIEDRICH Alles gut Schnucki. Diesem Schlingel habe ich es wirklich gegeben! ADELHEID Dafür liebe ich dich gleich noch viel mehr. Aber du hättest nicht gleich so grob sein müssen! Du hast ihm ja gleich die Nase gebrochen.
FRIEDRICH Du, das hat er sich alles verdient! Jetzt haben wir wenigstens was zu erzählen, wenn wir wieder nach Hause kommen.
ADELHEID Aber zuhause sind die Gefängnisse schöner, stimmt‘s Friedrich?

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