Rosa Engelhardt – Eine literarische Kartographie

Inspiriert von Judith Schalanskys »Atlas der abgelegenen Inseln« wurde im Workshop Literarische Kartographien schriftstellerisch mit dem Material gearbeitet, das Landkarten hergeben. In ihrem Text nähert sich Rosa Engelhardt der Karte von Bjargtangar und Látrabjang (Bird Cliffs) an.

Formlos

Die Klippen sind von den Wellen geformt worden, die ihre Kraft aus dem Eis oberhalb des Polarkreises sammelten. Über die kargen Sträucher weht derselbe Wind, der Seemeilen weiter nördlich durch Eisbärenfelle zaust. Das Gestein, auf das die Wellen und der Wind treffen und das sie formen, ist das Westlichste Islands. Das einzige, das diese Steine vor dem ewigen Eis Grönlands trennen, ist das Polarmeer.
Lange bevor die Menschen kamen und geschliffene Sandsteinblöcke zu einem Turm aufeinander setzten, dessen sich auf den Wellen des Polarmeeres brechender Feuerschein zum ersten Licht wurde, das die Vögel sahen, wenn sie zum Brüten von der Arktis aus gen Süden flogen; lange noch, bevor erste Vögel kamen und ihre Nester in die Steinhänge unterhalb der Klippen flochten; zu der Zeit, als das dürre Gras noch unter einem Mantel aus Eis begraben lag; damals schmolzen Gesteinsfronten in Vulkanen zu Magma, ergossen sich in breiten Strömen über das Land, schmolzen sich zischend ihren Weg durch den Schnee und sedimentierten schließlich im Meer. Dort erstarrten die Massen zu unbeständigen Formen, die heute niemand mehr nachzeichnen kann, da sie seit jeher dem Wind und den Wellen und damit der Veränderung ausgesetzt waren.
Der Leuchtturm bei den Vogelklippen war nicht lange in Betrieb; schien den Zugvögeln nur über wenige Generationen, denn er wurde spät erbaut und früh verlassen, und das ist er heute noch; hohle Sandsteinblöcke im Wind, in deren Inneren sich nichts mehr regt. In dieser ganzen Zeit hat der Turm zwei Leuchtturmwärter gesehen. Heute ragt der Leuchtturm verlassen in den Himmel und auf seiner Spitze sammelt sich der Kot der in den Klippen hausenden Vögel. Niemand aus dem nahen Dorf weiß mehr genau, wieso der Turm den Schiffen heute nicht mehr den Weg weist und nicht mehr für die Vögel scheint.
Wenn man die Dorfältesten darauf anspricht, dann schürzen sie die Lippen, sodass sich die tiefen Falten um die Mundwinkel kräuseln, und wenden langsam den Kopf einmal von links nach rechts. Die Kinder erzählen sich gegenseitig die Legende, der Sohn des letzten Wärters habe sich ins Meer gestürzt. Über den Grund dazu gibt es nur wilde Spekulationen. Aber es spielt keine Rolle, denn auf das Gestein hat ein Menschenleben keinen Einfluss. Außerdem kennen einzig die Vögel die Antwort. Und eines Tages oder eines Nachts wird auch der Leuchtturmstein seine Form verlieren.

Karte: Bjargtangar und Látrabjang (Bird Cliffs), Island
Rosa Engelhardt (16)

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