Epitexte einer kurzen Ehe

Vor dem Fest des 10. Internationalen Literaturpreis (ILP) trafen sechs Lesegruppen aus verschiedenen Kontexten die sechs Autor*innen der Shortlist. Die Gruppen haben sich ganz auf ihre Art mit den Büchern auseinandergesetzt. Das »Vor dem Fest« richtete den Blick somit auf vielfältige Leseerfahrungen. Eine Lesegruppe der Schreibenden Schüler*innen war auch dabei, bestehend aus sieben jungen Autor*innen zwischen 15-20 Jahren. Sie haben Anuk Arudpragasams »Die Geschichte einer kurzen Ehe« nicht nur gelesen, sondern eigene Texte zum Text geschrieben. Einen kleiner Einblick in ihren Arbeitsprozess, die Texte der Teilnehmenden und das Gespräch mit Arudpragasam findet ihr auf dem EPITEXT – dem Blog des Internationalen Literaturpreis.

Da nicht alle Texte der Werkstatt auf dem EPITEXT Platz gefunden haben, könnt ihr sie hier nachlesen. Als erstes ein Gedicht von Kristina Vasilevskaja (17), ein Text, der sich mit der Möglichkeit von Gemeinschaft in extremen Situationen befasst:

Beieinander

Teerfarbene Haut
Und weite dunkle Augen
Im schwarz-weiß Dschungel geschnappt Renne, wie im Stummflm
Formlose Masse erstreckt sich
und Spannung über das, was kommen mag Pfeifen der Wellen,
Erde vibriert,
Kreise schwarz verbrannter Erde
Das Miteinander soll regieren
Ferner,
Schreie der Vögel,
Schreie der Verwundeten
Balanciertes Denken
Ehrfurcht vor höheren Gesetzen
Jeder will seinen Weg markieren Gemeinschaft,
Gemeinschaft,
Und doch ist jeder für sich allein

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Anuk Arudpragasam (Die Geschichte einer kurzen Ehe) im Gespräch mit Anile Tmava, Josefa Ramirez, Max Gärtner, Max Reichert und Lukas Friedland.
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Vor dem Fest: Sechs Lesegruppen treffen auf die Autor*innen der Shortlist.

Einen kleines dreiteiliges Prosafragment hat Max Reichert (17) verfasst – Max nähert sich der heftigen Thematik von Arudpragasam auf seine eigene Art an, ohne Gefahr zu laufen, eine Geschichte anzueignen, die nicht seine ist:

Diesseits

I

Wasserhalbkreise spülten ihm sanft die Füße.

  

 

 

 

I.I

Er machte vorsichtige Schritte nach vorn, durch den warmen groben Sand. Die Körner unter seinen Füßen wurden kühler, feuchter. Er spürte das Meer. Wasser umspülte seine Zehen. Stumm stand er da, entkleidet, allein und starrte ausdruckslos auf das wellenlose blaue Meer.

I.I.I

Er kam sich seltsam vor.

Allein, fremd, es war vielleicht so ähnlich wie früher, wenn seine Eltern ihn als kleines Kind zu Hause gelassen hatten.

Langsam hinterließen seine Füße Spuren im warmen Sand. Er war sich nicht sicher, ob er alles verstanden hatte, die meisten wollten weiter nach Osten.

Ernäherte sich immer weiter dem Wasser, der Grund unter seinen Füßen wurde humid, Sand haftete zwischen seinen Zehen. Er war vor wenigen Wochen hier angekommen, es war schwer zu sagen, wie es ihm gelungen war, denn es gab hier kaum Jungen in seinem Alter. Er hatte Glück gehabt, sagte man ihm, doch er glaubte nicht daran. Seine Brust hob sich, als er die salzige Luft einatmete, sein Blick fiel auf das Meer, friedvoll und kaum hörbar lag es vor seinen Füßen. Letztes Sonnenlicht schimmerte schwach an den Rändern der Wolken rotblau, sie würden dichter werden, dunkler, sein Leben beschreiben, sein Ende bringen.

Wasser umschwemmte nun seine Knöchel, seichte Wellen krochen bis zu dem Punkt, wo er stand, und noch darüber hinaus. Als er seine Kleider abstreifte, spürte er den Staub, der sich an seinem gesamten Körper festgesetzt hatte. Er wusste nicht, wie es sein würde, von diesem getrennt zu sein.

Es war der Schmutz, der ihn an sein früheres Leben erinnerte, an das Leben mit seiner Familie, an seine Freunde, an das Leben mit genug Mahl, an das Mädchen, welches er kennenlernte und liebte, die Entführungen, die Entführung von ihr, an die Angst, der Nächste zu sein, an die Flucht, an die Camps, an die Menschen stumm ohne Hoffnung.

Er wollte helfen, doch blieb selbst still hocken und der Horizont verdunkelte sich weiter.

Er streckte die Arme aus und ließ sich fallen, sein nackter Körper drückte sich in den Sand und wurde von lauem Wasser umspült. Er spürte sich selbst und diesen elysischen Ort nach Monaten voller Gewalt und Leid.

Die Wolken türmten sich immer weiter auf, zu dunklen, blauen Gebilden ohne ersichtliche Form. Er nahm die Fäuste voller Sand und ließ ihn gleichmäßig auf seinen Körper rieseln, er spürte den Sand auf seiner Haut. Sanft blies der Wind ihn langsam wieder von seinem Körper.

Seine Brust bewegte sich kaum.

Um ihn breitete sich ein Schleier von Dunkelheit aus. Der letzte schmale Streifen violetten Lichtes am Horizont wurde von ihr komplett verschluckt. Er spürte einen Einschlag, Wassertropfen trafen auf seinen Körper und liefen an seiner linken Seite herunter. Die Tropfen fielen wie Stecknadeln aus dem Himmel, wurden schneller und vereinigten sich auf ihrem Weg durch die Atmosphäre, jeder gewann an Masse und Schwung, als er sich mit einem anderen zusammentat, wurde voller und dichter, bis er schließlich die Erde erreichte und auf ihren festen und flüssigen Oberflächen zersprang.

Der Regen wusch ihm den Staub vom Körper, er wusste, dass es an der Zeit war. In der Ferne hörte er das Krachen der Natur, es wirkte einladend, fast freundlich. Er wartete ab, bis der Schwindel vom Aufstehen verflogen war, dann lief er Schritt für Schritt weiter, bis seine Beine, dann sein Oberkörper umspült wurden.

Er sah das Leuchten und wusste, dass es richtig ist.

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Die Bücher der Shortlist des 10. Internationalen Literaturpreises.

 

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