Interrogation mit: Anke Stelling

Arbeit und Zukunft. Zukunft und Arbeit. Bestimmte Artikel, dann auch Schreiben natürlich, darum geht es bei dem diesjährigen Sommerspezi, doch seit neustem geht es auch um Ekel und Scham, jedenfalls für eine kurze Zeit.

Das Spezi bekam Besuch von der Autorin Anke Stelling, die sich eher als 13-jährige anstatt einer 46- Jährigen betrachtet.  Sie nahm uns mit in ihren Text, als wir so auf der Wiese saßen und horchten, was sie über körperliche Selbstbestimmung auf dem Weg ins 21. Jahrhundert geschrieben hatte. Direkt und nah durchlief sie mit uns ihr Leben, ließ uns die Augen weihten und verstummen. Sie hatte diesen Text noch nie zuvor vorgelesen, doch bald wird er vorraussichtlich  in der Anthologie des  Missy Magazines erscheinen. Nach dem der letzte Satz verklang und ein kurzes Dankeschön folgte:

,,Ich glaube, ich würde das erstmal sacken lassen.“, und damit hatte sie völlig recht.

Körperliche Selbstbestimmung und auch überhaupt die Auseinandersetzung mit dem Körper ist oft ein unangenehmes Thema und nicht wirklich etwas, womit man sich aktiv beschäftigt oder, was man gern anspricht.

Wieso denken Sie sollte über Dinge wie Scham und Ekel gesprochen und geschrieben werden?

Anke Stelling: Ich glaube darüber muss geschrieben werden und darüber lesen wollen alle. Schwierig ist es dann, wenn man in einer Lesung dieses Erlebnis teilt, denn dann muss nicht nur ich diese Peinlichkeit überwinden, sondern manchmal ist es sogar unangenehmer für die Zuhörer. Man will einfach nicht dabei beobachtet werden, wie man etwas liest oder guckt, was zu intim ist. Ich finde es wichtig und ich will vor allem darüber lesen., über Peinlichkeit, Sex und Scham. Und wenn ich darüber lesen will, dann sollte ich auch darüber schreiben, was vielleicht ein ökonomischer Gedanke ist, aber es macht ja auch Spaß. Und es hat ja auch etwas Therapeutisches, etwas aufzuschreiben.  Schreiben ist auch eine Dienstleistung für mich als auch für eine Leserschaft. Es ist auch ganz wichtig, sich preizugeben, sich zu öffnen mit Scham und Peinlichkeit. Ich freue mich auch, wenn Andere sich mir öffnen und ich sagen kann, ja mir geht’s genauso.

Inwieweit ist der Text fiktionalisiert? 

AS: Die Namen außer der Stelling selbst habe ich alle geändert, das geht auch nicht anders. Das Problem ist natürlich mit Vater, Mutter, Schwester, denn die sind in einem autobiographischen Text schwer zu verfremden, anders als einfach Namen zu ändern.  Ich habe auch beim Vorlesen gemerkt, wie ich selbst zusammenzucke und denke, was sie wohl davon halten. Auch wenn, was darin vorkommt nicht eins zu eins so passiert ist, denn ich greife ja Jahre zurück und desto weiter ich zurückgreife, desto mehr hat sich die Erinnerung selbst fiktionalisiert und das was ich erzähle, lehnt sich ja auch stark an das Thema.

Was inspiriert Sie beim Schreiben?

AS: Inzwischen muss ich sagen, kann ich nicht ohne. Ich kann die Welt und mich und was passiert nur aushalten, wenn ich damit etwas mache. Ich brauche diesen künstlerischen Ausdruck, sonst wäre ich wahrscheinlich depressiv oder eine Plage für meine Mitmenschen. Für mich ist es ganz stark so, dass ich ich die Welt besser verstehen will und dafür habe ich ein Medium, ein Text. Und dann gibt es weiter unten zum Beispiel eine Aufgabe, die mich inspiriert, etwas zu schreiben, oder auch eine Idee, über ein Thema, worüber man schreiben sollte.

Was finden Sie wichtig bei einem Text? Was muss ein guter Text haben? 

AS: Ich unterscheide zwischen Lesen, weil man seiner Umwelt entfliehen will und dem Lesen, weil man etwas verstehen will. Das lässt sich aber gar nicht  so sauber trennen. Ich lese mehr, um etwas zu begreifen. Ich mag Texte,  mit denen ich mich sofort identifizieren kann und was in meiner Umwelt spielt. Ich glaube auch, wenn es eine starke Figur gibt und die will etwas Ähnliches wie ich, dann mag ich das am liebsten. Das heißt natürlich nicht, dass er nicht gut geschrieben sein muss, was ist das schon. Deshalb finde ich auch Werkstätten so toll und ich treffe mich auch mit Kollegen, um rauszufinden, was es eigentlich ist, was einen oder den anderen Text so gut macht.

Nehmen Sie beim Schreiben Rücksicht auf die Leser oder schreiben Sie für sich?

AS: Wenn man überhaupt nicht darüber nachdenkt, was es für eine Wirkung haben könnte, dann ist es schwierig, aber wenn man sich zu viele Gedanken macht, ist das auch nicht zielbringend. Es ist eine frage der Balance. Wenn man darauf aus ist, dass es Leser geben wird, die es verstehen oder es nicht verstehen. Eine zu große Gruppe einer dieser Seiten wird es nicht geben. Wenn es einem völlig egal ist, dann gibt es vielleicht nur Ich, dem es gefällt oder einer Person und das ist auch schwierig.

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