Litfaßsäule: Spätsommer

Die Sonne glüht rot. Klein wie ein Käfer ist sie noch zwischen den Baumwipfeln zu sehen. Ein Feuerkäfer in seiner Heimat. Sie schließt hinter sich das Gartentor und überwindet das kleine Stück Wiese bis zu den ersten Bäumen. Dort bleibt sie stehen und schaut zurück. Der Garten, der längst nicht mehr ihr gehört, den sie widerstandslos der Natur überlassen hat, liegt klein und bedeutend vor ihr. Sie vergräbt ihre nackten Zehen in Tannennadeln und atmet den Geruch von Harz ein. Dann wendet sie sich ab und betritt den Wald. In der Hand hält sie, an den Schnürsenkeln zusammengebunden, ein weißes Paar Schlittschuhe. Sie schaukeln beim Gehen hin und her und die stumpfen Kufen schlagen immer wieder gegen ihre Knie. Als der Wald eine Pause macht, bleibt sie stehen. Auf der Lichtung steht ein Hirsch und grast. Auf seinem leicht schwitzigen Fell tummeln sich Fliegen und Mücken. Die untergehende Sonne lässt ihn rotbraun brennen.

Sie lässt die Bäume hinter und setzt ihre Füße nacheinander auf die blumenlose Wiese. Das Tier zuckt und zieht abrupt den Kopf hoch. Alles steht still. Sie geht ein Stück nach vorn, der Hirsch einen Schritt zurück, dann trabt er los. Sie breitet ihre Arme aus, er wird schneller. Die Schlittschuhe fallen zu Boden, er senkt den Kopf. Sie schaut in den Himmel, sein Geweih ist auf Höhe ihres Brustkorbes.

Sie schließt die Augen.

Amelie Gesche

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